Hamburger Schule der Astrologie: Warum ich rechne und nicht wahrsage
2026-08-25 09:57
Seit über zwanzig Jahren berechne ich Horoskope. Und die ganze Zeit stört mich eines: Astrologie wurde zur Wahrsagerei gemacht. „Widder haben heute Glück in der Liebe.“ So kann ich es nicht, und so will ich es nicht.
Es gibt eine andere Astrologie — mit Formeln, die man nachrechnen kann, und mit einem Orbis von einem Grad, der kein „ungefähr“ zulässt. Sie heißt Hamburger Schule und ist hundert Jahre alt.
Ein Landvermesser, der vom Krieg zurückkam und zu rechnen begann
Alfred Witte (1878–1941) war Landvermesser in Hamburg. Er kehrte aus dem Ersten Weltkrieg zurück und ging die Astrologie so an, wie er es gelernt hatte: über das Messen.
Als Erstes verwarf er die Aspekte. Und nicht aus Trotz. Ein Winkel ist an sich weder gut noch böse: „Quadrat ist schlecht, Trigon ist gut“ — das ist eine Bewertung, die der Astrologe mitbringt, und nicht das, was am Himmel steht. Die Schule formuliert es unmissverständlich: keine Winkel, die gut, schlecht, hart oder weich sein sollen, weil der Winkel selbst wertneutral ist.
An die Stelle der Aspekte setzte Witte die Planetenbilder. Symmetrie statt Winkelcharakter.
Die Häuser hingegen hat er nicht abgeschafft — im Gegenteil, er hat sie vervielfacht. Beim gewöhnlichen Astrologen gibt es ein Häusersystem, vom Aszendenten aus. Hier werden sie von jedem persönlichen Punkt aus errichtet: vom Meridian, vom Aszendenten, von der Sonne, vom Mond, vom Mondknoten, vom Widderpunkt. Sechs verschiedene Blickwinkel auf ein Leben. Systematisch ausgearbeitet hat das nach dem Krieg Hermann Lefeldt — seine „Methodik der astrologischen Häuser“ von 1962 ist bis heute das Standardwerk zum Thema.
Eine Formel statt eines Urteils
Die gesamte Mathematik der Schule passt in eine Zeile:
a + b − c
Zum Beispiel: Sonne + Mond − Jupiter. Die glückliche Ehe — als eine der Deutungen dieser Formel. Wir addieren und subtrahieren und erhalten einen Grad auf der Scheibe.
Das ist eine Formel. Man kann sie nachrechnen. Man kann ihr widersprechen. Sie liefert einen Punkt, keine Stimmung.
Genau darin liegt der ganze Unterschied. Ich sage Ihnen nicht „die Sterne raten Ihnen“. Ich sage: hier ist die Rechnung, hier ist das Ergebnis, hier steht, was auf diesem Punkt liegt. Sie können es selbst nachprüfen und anderer Meinung sein.
Eine Astrologie, deren Aussagen sich überprüfen lassen, ist die einzige, der zuzuhören sich lohnt.
Die Deutung ist ein Schrank mit Schubladen
Ich werde oft gefragt: Wie läuft eine Beratung eigentlich ab? Was macht ein Astrologe, wenn er auf das Horoskop schaut?
Stellen Sie sich einen großen Schrank mit Schubladen vor. Jede Schublade trägt ihren eigenen Namen: Partnerschaft. Finanzen. Beruf. Kinder. Und so weiter.
Wenn ein Mensch mit einer Frage kommt, lese ich das Horoskop nicht der Reihe nach durch. Ich suche die passende Schublade. Und geöffnet wird sie durch eine Formel — die Halbsumme zweier Faktoren. Die Mitte. Die Achse.
Auf diese Achse legen sich dann weitere Planetenbilder und Halbsummen. Sie beschreiben, worin dieser Mensch in diesem Lebensbereich reich ist. Alles, was innerhalb eines Grades auf die Achse fällt, ist der Inhalt der Schublade. Was weiter als einen Grad entfernt liegt, gehört bereits in eine andere.
Im „Regelwerk für Planetenbilder“ von Witte und Lefeldt stehen rund achttausend solcher Bilder. Der Schrank ist groß — deshalb lernt man Jahre. Nicht, was Mars bedeutet, sondern welches Paar welche Schublade öffnet.
Acht Planeten, die kein Teleskop zeigt
Eine Besonderheit der Schule sind acht hypothetische transneptunische Faktoren: Cupido, Hades, Zeus, Kronos, Apollon, Admetos, Vulkanus, Poseidon.
Die ersten vier berechnete Witte selbst und gab Ephemeriden dazu heraus; die übrigen entdeckte Friedrich Sieggrün. Die Astronomie hat ihre physische Existenz nicht bestätigt — und die Schule verschweigt das nicht. Es geht um Energiezentren, deren Vorhandensein das Horoskop selbst zeigt. Nachprüfen lässt sich das auf genau demselben Weg wie alles andere: am eigenen Horoskop.
Wozu das gut ist — für den Menschen, nicht für den Astrologen
Hier gehört die zweite Hälfte hin, ohne die die erste zu kalter Arithmetik wird. Ich zitiere Ludwig Rudolph — den Verleger, in dessen Verlag alle Bücher der Schule erschienen sind:
„Die Astrologie beweist, dass der Mensch innerhalb übergeordneter Gesetze sein persönliches Leben lebt. Je mehr er sich dessen bewusst wird, desto freier ist er, desto weniger ficht ihn Glück und Unglück an, das seinen Lebensweg kreuzt, und desto mehr wächst seine innere Persönlichkeit, seine sittliche Reife.“
Ludwig Rudolph, Hamburger Hefte II/67
Das ist die Antwort auf den wichtigsten Einwand gegen die Astrologie — sie nehme dem Menschen die Willensfreiheit. Hier steht genau das Gegenteil: das Wissen um das Gesetz macht frei.
Und es gibt noch eine Regel, die ich für Berufsethik halte. Friedrich Sieggrün: Die Metagnose hat der Prognose voranzugehen. Prüfe die Methode zuerst an dem, was bereits geschehen ist — und wage erst dann, über die Zukunft zu sprechen.
Alfred-Witte-Akademie
Ich arbeite seit über zwanzig Jahren mit dieser Methode und leite die Alfred-Witte-Akademie im Rahmen des Projekts „Weg der Sterne“. Beratungen führe ich auf Russisch und auf Deutsch.
Gedeutet werden können: das gesamte Horoskop, eine konkrete Frage — Partnerschaft, Beruf, Finanzen, Wahl des Wohnortes —, der Vergleich zweier Horoskope sowie das Kinderhoroskop für Eltern.
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Eine astrologische Analyse ersetzt keine ärztliche, juristische oder finanzielle Beratung.